Archiv des Autors: Katrin

Wo bleibt die CRISPR-Regionalisierung?

Gentechnik-kritische Umweltaktivist:inn:en ruhen sich anscheinend gerade in ihrer Rolle als David gegen Großkonzern-Goliaths aus. Der EuGH hat 2018 die Genomeditierung den Regulariendschungel der klassischen (Trans-)Gentechnik eingewiesen. Wie schon anderer-site-s dargelegt (Alina Schadwinkel: “Dagegen aus den falschen Gründen”), gibt es an diesem Urteil viel zu kritisieren.

Hier soll es um einen anderen Aspekt gehen: einen der wichtigsten Vorteile der CRISPR/Cas-Methode mit der (aus anderen Gründen) notwendigen Re-Regionalisierung der Nahrungsmittelproduktion zusammenzubringen. Frau Schafwinkel schreibt:

Im Labor hergestellte Superpflanzen mögen die Industrialisierung der Landwirtschaft durch Monopolisten zwar begünstigt haben. Doch weil die Genschere Crispr günstig, einfach zu handhaben und präzise ist, verspricht sie neue, ungefährliche Züchtungen binnen Monaten statt Jahrzehnten.

Doch wer genau soll denn “binnen Monaten” diese Züchtung durchführen?

Wo wir stehen

Aktuell strenge Regulierungen erzwingen geradezu die Konzentration dieses Marktes in den Händen einiger weniger Großkonzerne. Nur sie haben Motiv, Gelegenheit und Mittel um:

  1. Forschung und Entwicklung vorzufinanzieren,
  2. in lax regulierten Weltregionen ihr Saatgut in den Boden zu bringen, und mit den so aus’m Boden sprießenden Fakten im Rücken,
  3. die regulatorischen Papierkriege gegenüber den Behörden durchstehen.

Oder einfach die globalisierten Handelsströme den Rest erledigen lassen. Dem können (oft unterbesetzte) nationale Kontrollbehörden nur in geringen Umfang hinterhertesten, wie wir ja in unschöner Regelmäßigkeit an diversen Lebensmittelskandalen sehen können. Wie lange wollen wir dieses Spiel noch spielen?

Im 35c3-Vortrag “Genom-Editierung mit CRISPR/Cas” hatte ich leicht anklingen lassen, dass dies eine selbsterfüllende Prophezeiung sein dürfte.

Selbsterfüllende Prohezeiung

Wohin die aktuelle Reise gehen dürfte

Global Weirding wird uns vermutlich nötigen, deutlich schneller auf landwirtschaftlich relevante Wetterveränderung zu reagieren, als wir für klassische Kreuzungszüchtung Zeit benötigen. Beispielsweise dauert die Züchtung von Apfelsorten laut Pomaculta (einem gemeinnützigen Verein zur Erforschung des biologisch-dynamischen Obstbaus):

mehrere Jahre, bis die Jungbäume soweit gewachsen sind, dass sie ihrerseits wieder Früchte tragen. Bis daraus eine Sorte selektioniert und geprüft ist, dauert es nochmals mehrere Jahre.

Hinzu kommt, dass leider Krankheitsresistenzen nicht immer von Dauer sind:

monogen vererbte Resistenzen [werden] von den Krankheitserregern meist nach einigen Jahren überwunden, sodass die Äpfel erneut von Schorf befallen werden. Der Schorfdurchbruch bei den resistenten Sorten der ersten Generation ist leider bald in ganz Europa Tatsache. Die Züchtung fokussiert nun vermehrt darauf, breit abgestützte polygene Resistenzen (siehe alte Landsorten) einzukreuzen. Dies verspricht zwar nachhaltiger zu sein, ist aber züchterisch sehr viel aufwändiger.

Dumm, wenn der Schädling sich schneller anpasst, als die Neuzüchtung dauert. Wie lange wollen wir dieses Spiel noch spielen?

Wo wir vielleicht lieber ankommen wollen

Genomsequenzierung wird eponentiell billiger, sodass es immer ebenfalls immer billiger werden könnte, die genetischen Grundlagen für interessante Eigentschaften (bspw. Krankheits- oder Dürreresistenzen, vielfältigere Aromen, höhere Nährstoffgehalte, etc.) in der Sortenvielfalt unserer Nutzpflanzen zu finden. In vielen Fällen dürften es einigermaßen gut lokalisierbare Genvariaten oder Punktmutationen sein, die diese Eigentschaften bedingen. Diese Mutationen mittels CRISPR/Cas in anderen Kultursorten nachzubilden, würde eine schnellere Rekombinationen z.B. von alten, besonders krankheitsresistenten oder besonders aromatischen Sorten mit modernen, höher-erträglichen Sorten ermöglichen.

Gerade weil CRISPR als Labormethode so einfach, billig und schnell ist, hat sie sich an den allermeisten Unis mit Biologie-Fachbereich schon durchgesetzt. Allerdings offenbar für Experimente, von denen nur der publish-or-perish-Wissenschaftsbetrieb profitiert. Wenn außerhalb der eh schon äußerst skeptisch beäugten Biotech-Konzernen aber auch der öffentliche Sektor High-Tech nicht Lösung alltagsrelevanten Problemen einsetzt, ist die weit verbreitete Skepsis gegenüber der Technik an sich nicht verwunderlich (siehe Prophezeiungsdiagramm oben).

Um aus diesem Spiel auszubrechen, brauchen wir lokale Kooperationen und Aushandlungsprozesse zwischen Forscher:innen:gruppen, Züchter:inne:n, Produzent:inn:en, und Verbraucher:inne:n über die Eigenschaften unseres Obstes, Gemüses, Getreides, unserer Nutztiere, usw. Unter den o.G. Interessengruppen dürfte relativ große Einigkeit über die Ziele bestehen. Daher stünde es lokalen Akteuren gut zu Gesicht, weniger über die Wege dorthin zu streiten, und z.B. auch mal regionale Züchtungsprojekte mithilfe von CRISPR/Cas umzusetzen.

Dafür müssen sicherliche einige Regularien bezüglich Freilandanbau aktualisiert werden, insb. in Richtung einfacherer Genehmigungsverfahren für kleine Kooperationsprojekte zwischen Zivilgesellschaft, lokaler Bio-Tech-Forschung in KMUen und Uni. Dabei sollten Auflagen zur Bürgerbeteiligung wichtiger werden, als der Nachweis von Risikofreiheit einer gentechnischen Methode, die kaum ein wissenschaftlich begründbares Risiko innehat. Gerade für kleine, nicht-kommerzielle Projekte (weil die besser demokratisch kontrolliert werden können, als kommerzielle Groß- und Firmenforschung) sollte gelten: CRISPR auf Maximum und volle Möhre voraus!

Die ernsthaften Probleme unserer Nahrungsmittelproduktion sind falsche Anreize für Landwirtschaftsbetriebe, zu große Monokulturen, Knebelverträge mit Hybridsaatgut, usw. Gentechnikverbote lösen keines davon. Im Gegenteil: CRISPR kann Hybridsaatgut wieder fruchtbar machen.

Vielleicht hilft ja die 2020er-Nobelpreisverleihung, die Genomeditierung wieder raus aus dem Wandschrank zu bringen, und rein in eine angemessene öffentlichen Debatte, die sich nicht im (Teufels)Kreis dreht.