KNS014 – Seesternzombies

Allen Hörerinnen und Hörern zunächst einmal alles Gute für 2014! Wir starten das Neue Jahr mit 2 neuen Rubriken: Dem Kalendarium (diesmal für den 6. Januar) und mit Wissenschaflter-Homestories (diesmal von Fritz Haber und seiner Frau Clara Immerwahr). Daneben gibt es wieder einen bunten Strauß Wissenschaftsnachrichten aus den Bereichen Menschenaffen, marine Zoologie, Astrophysik, Ökologie und Psychologie. Außerdem haben wir ein Vorschlag für ein einfach nachzumachendes Experiment für die HundebesitzerInnen unter euch. Viel Spaß dabei!

Creative Commons Attribution 3.0 Germany License Downloads ⬇ MP3 (54 MB) AAC/M4A (37 MB) Opus (31 MB)

Wenn Dir diese Episode unseres kleinen Podcast gefallen hat (oder unsere archivierten), bewerte uns bitte bei iTunes und empfehle uns an Verwandte, Freunde und Kollegen weiter :-) Wir freuen uns auch über Fragen und konstruktive Kritik als Kommentar, per E-Mail oder auf Twitter.

Sendungsnotizen

Nachtrag zu KNS013: Schimpansen wird Personenschaft verweigert

  • Alle drei Anträge – betreffend zwei Schimpansen an der Stony Brooks University und zwei in Privathand – wurden abgelehnt, mit der Begründung, Schimpansen seien keine Personen.
  • Die NhRP hat das Ergebnis erwartet, und zeigt sich weiterhin zuversichtlich. Sie finden, die Richter seien sehr respektvoll mit den Anträgen umgegangen.
  • Richard Cupp: “Animals are not persons, but that does not mean that abusing them is acceptable,” he writes in an e-mail. “Both humans and animals would be best served by placing a strong emphasis on human responsibility for humane treatment of animals rather than creating an artificial construct of animal personhood.”
  • Die Strategie der NhRP hat sich durch das Ergebnis nicht geändert.

Kalendarium: 6. Januar

Wissenschaftsnachrichten #

Seesternzombies

  • Neues Auftreten des ‘seastar wasting syndrome’ im Sommer 2013. Dies trat vormals 1983 und 1997 während El Ninos auf.
  • Es sind mehr Arten befallen als zuvor. Außer Seesternen sind auch Seeigel betroffen, die als Nahrung für den Seeotter sowie Langusten & Lippfische dienen.
  • Das Syndrom zeichnet sich aus durch Läsionen und Nekrosen aus. Die Seesterne werden schlaff, verlieren ihre Arme und sterben innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen.
  • Andere Arbeitsgruppen arbeiten mit den Tieren selbst und suchen, ob es womöglich eine autoimmune Erkrankung ist, oder tatsächlich ein Erreger im Spiel ist. (Hälterung kranker & gesunder Tiere getrennt durch verschiedene Barrieren)
  • Mögliche Ursachen sind: Erreger (Viren, Bakterien, Protozoa), autoimmune Erkrankungen, geringe Sauerstoffkonzentrationen, lokale Warmwasservorkommen, Umweltgifte
  • Forscher sind zuversichtlich, tappen aber noch völlig im Dunkeln

Fischbestände profitieren auch von Fangverbot für alte, große Exemplare

Die Suche nach dunkler Materie

  • Astronomen haben irgendwann mal gemerkt, dass der größte Anteil der Masse im Universum unsichtbar ist. Seitdem haben sie versucht, diese ‘dunkle Materie’  zu finden.
  • Da aber bisher keine Nachweismethode funktioniert hat, haben sie angefangen, das Ganze nochmal von vorne durchzudenken. Sogar der momentan heißeste Kandidat (Weakly Interacting Massive Particles) hat null Resultate aufgeliefert.
  • Das Problem ist, dass ausreichend Beweise für dunkle Materie existieren, aber man findet das Zeug einfach nicht.
  • Die Idee mit den WIMPs noch immer recht beliebt, weil sie prima in das Gesamtbild passt. Leider haben alle Versuche des Nachweises absolut keinen Hinweis auf deren Existenz geliefert.
  • Wenn also nicht WIMPs, was dann? Axions sind theoretische Partikel, die ähnlich gut die Häufigkeit von dunkler Materie erklären können, und noch seltener mit Materie interagieren wie WIMPs. Bisher: kein Nachweis.
  • Beispiele für alternative Ideen: Mini-schwarze Löcher, aus quark matter bestehende, nicht-leuchtende quark-Sterne.
  • Es gibt deren Ideen noch jede Menge mehr, und alle durchzutesten könnte noch 100 Jahre dauern. Vielleicht muss man irgendwann sagen, dass dunkle Materie tatsächlich nur über Gravitationswechselwirkungen nachweisbar sind. Das ist allerdings unwahrscheinlich, denn im Gegensatz zu WIMPs und Axions gibt es für die Entstehung solcher Teilchen keine vernünftige Erklärung.
  • Die meisten beteiligten Wissenschaftler sagen, dass es ihnen egal ist, welches Teilchen letztendlich als dunkle Materie erweist, so lange sie es nur finden.

Ansiedlung ausgestorbener Hummelarten im UK läuft besser als erwartet

  • Short-haired bumblebee / Erdbauhummel / Bombus subterraneus zuletzt 1988 in Großbritannien beobachtet, 2000 für ausgestorben erklärt
  • Vernichtung wilder Wiesen, Pestizide
  • Auswilderungsversuche durch das Short-haired bumblebee project zunächst mit neuseeländischen (“Forschungs”reise!!!) Hummeln, aber zu stark inzestuös
  • erfolgreich mit importierten & quarantänierten Hummelköniginnen aus Schweden (evolutionäre Landschaft, siehe KNS009)
  • Hoffnung: Pestizide erträglich, wenn Habitate & Populationen gesund sind

Depressionsvorhersage

  •  Forscher haben herausgefunden, dass sich das Risiko für eine baldige Depression mittels einfacher Stimmungstests vorhersagen lassen.
  • Das Experiment dazu war recht simpel:
      • 600 Personen (depressiv wie gesund) haben mehrere Tage lang ihre Stimmung mittels einer App aufgezeichnet. Diese befragte die Personen mehrfach am Tag nach ihrer Stimmungslage. 6-8 Wochen später wurde mittels Fragebögen der Depressionszustand eines jeden zu bestimmen.
      • Am Ende der Studie waren 13% der Personen in Richtung Depression gerutscht.
      • In mathematisch: Der Übergang von gesund zu depressiv ist ein qualitativer Umschlagpunkt. Diese Punkte haben die Eigenschaft, dass je näher man sich ihm befindet, desto weniger belastbar wird das ganze System; oder: umso wahrscheinlicher wird er bei Störung überschritten, wenn das System aus dem Gleichgewicht geschoben wird.
    • Das heißt: Je länger man braucht, sich von kurzfristigen negativen Empfindungen zu erholen, desto depressiver waren die Patienten am Ende der Studie.

Experiment für Hundebesitzer: Beim Gassi-Gehen Ausrichtung während des Verrichten der Geschäfte mit’nem Kompass überprüfen (Dank an Markus!)

Die Geometrie komplexer Krankheitsverbreitung

  • Früher: Krankheitsausbreitung ließ sich mittels einem einfachen Reaktionsdiffusionsmodell beschreiben.
  • Die heutige Welt ist völlig anders vernetzt, und Modelle zur Vorhersage von Krankheitsverbreitung sind komplex und häufig schwer nachvollziehbar.
  • Eine neue Idee macht aus einem komplizierten Zusammenhang wieder eine (relativ) einfache Geschichte: effektive, statt geografischer, Distanzen.
  • Die effektive Distanz beruht auf der Vernetzung zweier Orte via Fluglinien: Häufigkeit der Flüge, Zahl der Passagiere, etc., und machen ein Reaktionsdiffusionsmodell wieder wirksam: Mittels anders dargestellter Distanz wird die Ausbreitung wieder wellenförmig!
  • Originalartikel: Brockmann & Helbing (2013). The Hidden Geometry of Complex, Network-Driven Contagion Phenomena. Science.
  • Danke an Markus für den Themenvorschlag!
  • Comic zu Karten-Projektionen: xkcd – Map projections

Neue Rubrik: Wissenschaftler-Homestories. Heute von Fritz Haber.

Hausmeisterei

Empfehlungen

Andere relevante Episoden / Related episodes

11 Gedanken zu „KNS014 – Seesternzombies

  1. Albert

    Zum Haber-Bosch-Verfahren sollte man vielleicht noch anmerken, dass sich dadurch der erste Weltkrieg wahrscheinlich wesentlich verlängert hat. Kleiner Auszug aus Wiki: “Als das Deutsche Reich während des Ersten Weltkriegs durch die alliierte Seeblockade von natürlichen Stickstoffquellen (Chilesalpeter) abgeschnitten war, gelang es nur mit Hilfe des Haber-Bosch-Verfahrens, den sonst schon Ende 1914 drohenden Zusammenbruch der deutschen Munitionsproduktion abzuwenden und auch die Düngemittelproduktion aufrechtzuerhalten.”
    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Haber-Bosch-Verfahren
    Wenn ich es richtig sehe hätte ohne dieses Verfahren der erste Weltkrieg bereits 1914 zu Ende sein können, ohne Munition ist schlecht Krieg führen.
    Ich finde euren Podcast spitze und freue mich auch jede neue Folge.

    Herzliche Grüße,
    Albert.

    Antworten
    1. Katrin

      Danke für den Hinweis, Albert!

      Ja, das meinte ich mit der Korrektur, dass es nicht für Giftgas relevant sei, aber für Sprengstoff. Tut mir Leid, dass ich den Kontext an der Stelle nicht mehr ausgebaut habe. Im Nachhinein doppelt ärgerlich, da ich im Kalendariumthema zu Anselme Payen, geo-politischen ja erfasst hatte. Naja, dieses Jahr werden sich dafür sicher noch Gelegenheiten anbieten. Von Dan Carlin gibt es schonmal eine sehr hörenswerte Hardcore-History-Folge speziell zum Kriegsausbruch.

      Viele Grüße und weiterhin viel Spaß beim Hören!

      Antworten
  2. Ymaoh

    Erstmal: Super Podcast, interessant und sehr sympathisch anzuhören. :)

    Aber:
    Im Abschnitt “Seesternzombies” heißt es, diese Krankheit befiele auch Seeigel, die wiederrum die Hauptnahrung von Seeottern seien. Die Seeotter Bestände gingen nun aufgrund schrumpfender Nahrungsbestände zurück. Die Seeigel fressen aber die Braunalgen kurz, deswegen würden die Kelpwälder verschwinden, wenn die Seeotter verschwänden. Diese Argumentation ist in sich nicht schlüssig, denn die Seeotterpopulation schrumpfte ja gerade deswegen, weil die Seeigelpopulation ihrerseits schrumpft. Also kein Problem für die Kelpwälder.

    Antworten
    1. Marielle

      Hey Ymaoh,

      Da hast Du ganz recht, der Gedanke blieb während der Folge unvollendet. Der Verlust von Seeotter-Nahrung dürfte für die Kelpwälder erst mittelfristig ein Problem werden. Zumindest ist es vorstellbar, dass sich die Seeigelpopulation nach dem Ende der Epidemie sehr viel schneller erholt, als die potentiell verhungerten Seeotter mit ihren generell geringeren Beständen und der längeren Generationszeit. Dann wäre es möglich, dass das Gleichgewicht zu Ungunsten der Kelpwälder kippt. Zumindest könnte ich es mir so vorstellen, allerdings sind die Zusammenhänge dann meist doch komplexer als gedacht.
      Danke für Deinen Kommentar!
      Beste Grüße, Mariëlle

      Antworten
  3. Michael

    Noch eine kleine Anmerkung zum Hundeversuch, die vielleicht für euch interessant ist: Beim SGU haben sie da vor ein paar Folgen auch drüber diskutiert und die Studie ziemlich “zerlegt” (http://www.theskepticsguide.org/podcast/sgu/442, “Magnetic Pooping”). Der wesentliche Kritikpunkt war dort, dass es den Anschein hat, dass man so lange Daten korrelliert hat, bis das gewünschte Ergebnis raus kam. Endgültig wird sich das wohl (wie immer) nur durch Replikation klären lassen…

    Sonst kann ich mich nur Albert anschließen und sage: Weiter so!

    Viele Grüße,
    Michael

    Antworten
  4. Frank

    Ich fand diese Folge ebenfalls spitze und die Auswahl der Themen war klasse! Mich hat die Erläuterung der Krankheitsverbreitungen sehr geflasht und die Parallele zu den wiederkehrenden Kurven der Schwarzen Pest fand ich sehr verblüffend. Dann noch Seesternzombies, das reinste Wissenschaftspopcorn! Danke dafür. Hoffe Ihr macht weiter, in welcher Konstellation auch immer.

    Antworten
    1. Marielle

      Hoi Frank,

      das freut uns! Mir ging es beim Lesen des papers ganz ähnlich. Manchmal ist es doch bestechend, wie wunderbar manche Sachen funktionieren, wenn man nur den richtigen Kniff gefunden hat, um das Muster sehen zu können!
      Vielen Dank für den Kommentar & beste Grüße,
      Mariëlle

      Antworten
  5. Agrarexperte

    Sehr interessant; gratulation!
    Zum Hummel-Beitrag: “Umbruch” nennt man das, wenn man eine Wiese zu Acker macht.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.